All you zombies – das Hohelied der Lethargie

 

Widerstand in der Realität

Ich habe oft darüber nachgedacht, warum die Deutschen nicht mehr Widerstand gegen die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen leisten.

Als damals im Osten Pegida aufflammte, hoffte ich inständig, dieser Widerstand würde sich auch über die westdeutschen Städte wie ein Lauffeuer verbreiten. Ich besuchte auch in Hannover Demonstrationen, fuhr selbst nach Dresden und begann mich immer stärker zu vernetzen. Ich versuchte, Teil der Lösung zu werden.

Die Ernüchterung

Doch die erhoffte Gesellschaftsrevolution blieb aus. Warum nur konnten andere Bürger, genau wie ich, nicht auf die Straße gehen? Fehlte es am Willen oder an der Information bzw. dem Durchblick (siehe auch hier)?

Doch bevor ich auf diese Fragen versuche eine Antwort zu geben, komme ich zu einer kleinen und keinesfalls repräsentativen Fallstudie.

Als Dozent im Bildungswesen habe ich junge, unerfahrene als auch gestandene, erwachsene Schüler mit Berufserfahrung in meinen Unterrichten. Der Zufall wollte es, dass ich in einem IT-affinen Kurs auf das gerade verabschiedete Netzwerkdurchsetzungsgesetz zu sprechen kam. Zu meiner Verwunderung wusste niemand irgendetwas darüber. Wohlwissend, dass hier ein Stück Diktatur eingeführt wurde, war ich deshalb schockiert.

In der Pause erzählte ich meinen Kollegen davon, wie uninformiert die Schüler waren, in der Annahme, meine Kollegen wüssten es besser. Wussten sie nicht. Sie hatten ebenfalls keine Ahnung.

Dies brachte mich dazu, in allen Klassen kurz nachzufragen, auf Nachfrage der Schüler erklärte ich auch die Problematik des Gesetzes und die Einschränkung der Meinungsfreiheit. Ich habe nicht einen Schüler getroffen, der informiert war. Einer hatte entfernt davon gehört, dass da etwas nicht stimmen könnte. Einer. Dieser eine schien auch mit meinem Kurzunterricht zufrieden zu sein und machte den Eindruck, er hätte etwas für das Leben gelernt.

Doch nicht das Unwissen betrübt mich. Es ist die Reaktion der Schüler. Nicht einer äußerte sich bestürzt, nicht einer fragte: „Aber das ist ja schrecklich, was kann man dagegen tun?“ Nicht einer fragte mich nach Quellen, die er nachlesen konnte. In einer Klasse bemerkte ich schon bei meinem kurzen Vortrag, wie das Desinteresse aufflammte und Schüler heimlich auf den handys anfingen zu tippen oder Löcher in die Luft  starrten.

In einer Klasse gab es wohl eine politische Diskussion, in der ein Schüler zu diesem Thema mit der Lehrerin stritt. Doch mir wurde klar gesagt: „Das interessiert uns nicht, ist uns egal.“

 

Der Anti-Kant

Es ist das „Nicht-Wollen“ im Kant´schen Sinne, das hier das größte Problem darstellt. Und die Inaktivität, die dazu führt, dass niemand im Internet die noch halbwegs freien Informationen zusammensucht. Wir leben in einer Zeit, in der man „es wirklich wissen könnte“, wie man es immer unseren Großeltern vorgeworfen hat, die den 2. Weltkrieg und die Judenverfolgung erlebten.

Doch damals war die Information viel schwerer zu erhalten als heute. Es ist das „Nicht-wollen“, sich zu bewegen, eine Interessenlosigkeit, eine totale Lethargie, die das gesellschaftliche Problem darstellt. „Wir wehren uns nicht“, hat Götz Kubitschek einmal gesagt. Genau so ist es.

 

Kant als Erklärung

Bei Kant lesen wir unter anderem:

„Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt und so weiter, so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Dass der bei Weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem, dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, dass diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperrten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen droht, wenn sie es versuchen, allein zu gehen.“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Ein Freund von mir sagte kürzlich: „Gib ihnen ihr handy, facebook und Katzenfotos und sie sind zufrieden.“ Es ist die Bequemlichkeit, die „Nicht-Betroffenheit“ bei Terror und Alltagsgewalt, das völlige Erlahmen der natürlichen Reflexe, welche uns heute die Demokratie abhanden kommen lässt.

Ich bestreite nicht, dass die Medienmacht eine große Rolle spielt, weil sie die dominanten Informationskanäle besetzt hält und nur vorgefilterte Information präsentiert. Und sicher liegt hier immer eine Chance, den ein oder anderen noch aufzuwecken.

Doch ist das eben nur die Hälfte der Wahrheit. Ein Blick in die Zukunft: Unsere Aufgabe muss es nun sein, nicht nur die Information zu verbreiten, sondern die Leute zur Aktivität zu bewegen. Dieses Thema wird sicherlich in Zukunft von mir behandelt werden.

Früher habe ich immer gesagt, die Leute wären schlummernde Schafe. Die unwissend und dumm wären, den Wolf zu erkennen und die vor sich hindämmerten.

 

Das stimmt nicht.

Wenn ich einem Schaf den Wolf zeige, so wird es weglaufen, Angst verspüren, in innere und äußere Bewegung geraten. Oder in eine Schockstarre verfallen.

Eines wird es nicht: Weitergrasen.

Wir haben keine Schafe vor uns. Schafe zeigen eine Reaktion.

 

Es sind Zombies.

Finden wir das Gegenmittel!