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Das Paradoxon der Toleranz

 

Vor kurzem stolperte ich auf facebook über die folgende bereits von einigen „gelikte“ Grafik.

 

In Kürze ist die Aussage: „Toleriere nicht die Intoleranten und gib Ihnen keinen Raum.“

Schaut man sich die Details an, so erkennt man einige wichtige Feinheiten.

Zum einen beginnt die Begrenzung oder Verweigerung der Toleranz (bzw. deren Anwendung auf andere Gruppen) bereits bei anderen Ideen. Nicht also etwa bei Taten oder Aussagen. Die Idee ist Grund genug, wenn Sie offenkundig dazu führen wird, dass die andere Ansicht zur Zerstörung der Toleranz der Toleranten führt. Nicht begrenzte Toleranz führt also zur Auslöschung der Toleranz bzw. der guten Gesellschaft.

In diesem Falle der so genannten „offenen Gesellschaft“, wie sich am Namen Karl Poppers leicht per google recherchieren lässt.

Hier liegt also eine Notwehr-Argumentation vor. Der Tolerante kann nicht anders, will er die Gesellschaft retten, er ist ein Opfer der Umstände. Er muss dem anderen das Recht, welches für alle anderen gilt, verwehren, weil dieser ihn und die anderen sonst zerstören wird. Intoleranz und Verfolgung anderer muss „outside the law“ stehen, gewissermaßen kriminalisiert werden.

Soweit so gut, auf den ersten Blick stimmt hier jeder zu, die Argumentation scheint stimmig. Warum?

Weil mit einfachen Bildern gespielt wird. Zum einen haben wir ein einfaches Opfer-Täter-Schema. Zudem ist der Täter der Nazi, ein Unmensch per se – hier hat man weniger Hemmungen, Rechte abzusprechen, es geht ja um das gänzlich Böse.

Denken wir etwas weiter: Warum ist dort alles nur mit Nazi-Symbolik verbunden? Warum sieht man keine anderen intoleranten Menschen, z.B. vom IS oder böse Kommunisten aus Nordkorea? Warum ist es in Ordnung, dann Gewalt anzuwenden (dies ist am Tritt in den Hintern der Nazi-Figur zu erkennen)?

Was ist überhaupt gemeint mit der „Intoleranz“ oder der „Verweigerung von Toleranz“? Die Begrifflichkeiten sind ja nicht hinlänglich definiert. Und was bedeutet es denn konkret, die Toleranz zu verwehren?

Und die wichtigste Frage: Wer legt fest, was richtig und falsch, gut und böse, tolerierbar oder nicht ist? Welche Idee führt denn zur Zerstörung der „offenen Gesellschaft“? Hier muss ja die noch nicht realisierte Zukunft als Begründung dienen. Und warum stellt die „offene Gesellschaft“ ein unantastbares Dogma dar? Schließlich gab es an Poppers Philosophie von Seiten anderer Philosophen auch begründete Kritik!

Wohin die Befolgung dieses Schematas hinführt, zeigt folgender Artikel über eine Demonstration gegen Pegida und eine gegen die AfD exemplarisch:

Hier wird gegen eine demokratisch gewählte Partei oder andersdenkende Menschen demonstriert, weil diese von konkurrierenden politischen Gruppen als „Nazi“ definiert werden. Man ist bereit, deren demokratische Grundrechte einzuschränken, weil sie nach dem vorgestellten Schema die „Täter-Klasse“ bilden.

Die AfD sieht dies derweil ganz anders – aber jegliche Kritik am Vorgehen in dieser Sache oder Kritik an gesellschaftlichen Problemen wird sofort mit Täter-Schema-Zuweisung erschlagen. Und man nimmt auch gerne gleich alle Menschen, die ähnlich oder auch kritisch denken, mit in Sippenhaft.

Diejenigen, die anderen Menschen z.B. die Meinungsfreiheit oder andere Rechte absprechen (á la „das darf man doch nicht sagen…“, „bei denen darf man nicht mehr kaufen“, „die da dürfen nicht teilnehmen an…“), sind ohne weiteres bereit, diese zu Menschen zweiter Klasse zu machen.

Die nicht hinterfragte, vermeintliche moralische Überlegenheit hebt sie auf ein gefühltes höheres Level und erlaubt ihnen, andere für den guten Zweck zu entrechten.

Wer jetzt noch nicht die Ähnlichkeit der Argumentation mit Ideologien aus dunkelsten Zeiten der deutschen Geschichte erkennt, ist durch die Medienmaschinerie effizient geblendet worden und hat seine Kritikfähigkeit abgegeben.

Das dürften die meisten sein. Einige andere jedoch an den Schaltstellen der Macht fahren diese Strategie mit voller Berechnung, um die Diskurshoheit zu behalten und das Overton-Fenster geschlossen zu halten. Dies sind Teile der Medien, viele Politiker, so ziemlich alle  Gewerkschaften und Kirchen und Finanzmogule mit entsprechenden Interessen, um nur einige zu nennen.

Der status quo soll folglich mit aller Macht zementiert, die Diskussion ausgeschlossen, der Kritiker kriminalisiert werden. Die Verführung ist immer gegeben, sich dem Diskurs zu verweigern und den einfachen Weg der Ausgrenzung zu beschreiten. Andere als „grundfalsch zu definieren“ reicht dann als ultimative Problemlösung. In der öffentlichen Debatte geht es dann nur noch um Personen und Positionen, nich tmehr um Inhalte. Um Emotion, nicht mehr um Ratio.

Es ist nur eine Anekdote am Rande, dass Open Society Gesellschaft, welche sich auf Poppers Ideen beruft, von George Soros gegründet wurde und dass nach Poppers Ideen der Nationalstaat ein Übel darstellt, welches zerstört werden muss.

Interessanter Weise muss in offenen Gesellschaften nach Popper ein intellektueller Meinungsaustausch gestattet werden, der auch kulturelle Veränderungen nicht ausschließt. Somit sind Meinungs-, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit sowie eine strikte religiöse Neutralität essentiell. Wer hier den Widerspruch zur aktuellen politischen und medialen Lage nicht erkennt, sollte noch einmal kurz innehalten und nachdenken.

Eine sich entwickelnde Gesellschaft benötigt das freie Spiel der Meinungen und den Diskurs, um zu wachsen. Schlechte Ideen können im Konkurrenzkampf der Werte aussortiert werden.

Werden im voraus Ideen fortgenommen, fehlt das volle Spektrum, um sich kreativ und eigenverantwortlich unabhängige Meinungen zu bilden. Um zu wissen was richtig ist, muss ich vorher her erkannt haben, was falsch ist. Niemand anders kann mir dies vorgeben, ich muss es als mündiger Bürger selbst erkennen können. Alles andere ist „betreutes Denken“.

Ich schließe mit einem Zitat eines Helden meiner Jugend:

„Mit dem ersten Glied ist die Kette geschmiedet. Wenn die erste Rede zensiert, der erste Gedanke verboten, die erste Freiheit verweigert wird, dann sind wir alle unwiderruflich gefesselt.“

Jean Luc Picard

 

Weitere Artikel zur freien Meinungsbildung finden Sie hier und hier.

 

 

 

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