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Der gute Wolf – Verteidigen

Der Späher wandert einsam

 

Der Hügel

Mein Fell flattert im Wind, als ich die winterliche Hügelkuppe erreiche. Die Kälte schneidet.

Ich kann sie jetzt wittern. Und ich kann sie auch sehen. Ihre Flinten blitzen, als sie durch den Wald reiten, um auf die Jagd zu gehen. Jagd auf uns. Jagd auf das Rudel.

Die Wölfe auf der anderen Seite des Hügels sind weit gelaufen und müde. Hungrig. Verzweifelt. Seit Jahren laufen sie ihrem Traum nach, der ihnen soviel verspricht. Futter, Ruhe ein sicherer Bau. Junge Welpen. In Frieden leben.

 

Die Entscheidung

Wie kann ich sie enttäuschen? Ihnen die Wahrheit berichten? Ihren Traum zerschmettern?

Eigentlich wittern sie die Gefahr auch schon. Auch sie haben die letzten Monate und Jahre tote Wölfe am Wegesrand gefunden, im Gebüsch oder am Wasser. Manche Wölfe kamen verletzt zum Rudel zurück. Berichteten Schlimmes. Manche werden nie wieder sein wie zuvor.

 

Es hat zugenommen.

Eigentlich ahnen sie es alle, manche wissen es sicher. Doch da ist dieser Traum, denn sie nicht verlieren wollen. Das Alphatier hat Ihnen ein neues heiliges Land versprochen, sie klammern sich an diesen Traum, weil er alles ist, was ihnen je erzählt wurde. Und weil der Weg so lang und entbehrungsreich war.

Ich hasse das Alphatier dafür. Es muss doch sehen, was ich sehe. Es ist seine Pflicht, das Rudel auf den richtigen Weg zu führen.

Doch ich allein kann es nicht besiegen. Ich bin nur ein Späher des Rudels.

 

Sie werden mich hassen, wenn ich es erzähle. Vielleicht verstoßen sie mich aus dem Rudel, weil ihre Frustration ein Ventil benötigt. Weil sie nur den Traum für eine Weile retten können, wenn sie den Boten töten. Vielleicht tötet mich der Alpha, um seine Position zu festigen. Widerspruch kann er nicht dulden.

Doch der Traum wird zerbrechen, irgendwann. Die Realität läßt sich nicht leugnen, sie holt dich ein, immer. Blutig, zerstörerisch, endgültig.

Ich muss es ihnen sagen, auch wenn sie mich dafür verachten. Es ist meine Aufgabe, das Rudel zu warnen.

 

Als Späher ist man oft allein. Auch mit sich selbst.

Süß ist die Verführung, zurückzukehren und nichts zu tun. Es wäre so einfach nichts zu berichten von dem was man weiß, vielleicht geht ja alles gut. Sich dem Traum hinzugeben. Immer wieder die Augen zu schließen, bis es vorbei ist. Bis zum nächsten Mal.

 

Doch da nagt auch das Pflichtgefühl unter dem Fell. Die eigene Moral, die mich bindet. Die Gewissheit, niemals wieder am Bach in das Wasser blicken zu können, ohne sich für das, was sich dort spiegelt, zu schämen. Und was ist mit den eigenen Jungen? Und den Welpen der anderen? Sie können noch nichts sehen, sind blind und hilflos. Wer schützt sie?

 

Ich muss meinen Weg gehen, auch wenn mich niemand im Rudel versteht. Muss die anderen Späher finden. Mich mit ihnen beraten. Die Verantwortung teilen.

 

Komme es wie es komme. Das Herz zieht. Ich bin der einsame Wanderer.

Ich muß verteidigen.

 

 

 

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