Kriegskind / Schlesiertod

 

Seine Kindheit hat der Krieg gefressen

Genau wie seine Heimat

Hat seine Seele vernarbt

Und als er irgendwo

Suchend nach einem neuen Platz, ankam

Haben sie ihn angespuckt

Später haben seine Kinder dann gefragt

Wieso habt ihr das alles zugelassen?“

Es gibt eine Menge grau zwischen schwarz und weiß.

 

Wanderer, 14.08.2000




Der Dichter und der Phönix

 

Zaghaft, zögernd, führe ich den Stift

Und traue, wage neu zu glauben

Und Träume gleiten tief in meine Schrift:

„Das Feuer wird die Asche rauben

 

Neu wird er aufgehn, steigen,

der Sonne gleich an neuem Tag

der Tänzer auf dem Feuerreigen

mit starker Kraft in jedem Schlag

 

der neugebor´nen Flammenschwingen

wird altes Leid herniederringen

erheben sich aus alter Glut“

ich schrieb das Lied des Phönix

– und es schenkt mir frischen Mut.

 

Wanderer, 05.11.2004




Lebenszeit

 

Des Menschen Leben gleicht den Zeiten

Die Jahr um Jahr ins Lande zieh´n

Wenn frühe Knospen kraftvoll sich verbreiten

Dann gleicht die Kindheit eines Frühlings Blüh´n

 

Wenn Wärme bringt das ganze Streben

Die bunte Blüte und das volle Grün

Dann gleicht der Sommer unserem Leben

Erstarkt der Schritt, und unser Handeln kühn

 

Doch wenn die ersten Blätter fallen

Und vage Ahnung dich beschleicht von Schnee

Und unter Bäumen alte Träume hallen

Dann bringt der Herbst ein leises Weh

 

Am Ende steht des Winters Nahen

Mit seiner Unerbittlichkeit und Stille

Und altern muß was jung gewesen

Und Schlaf und Schlummer sind sein Wille

 

So fürchte nicht ob der Gezeiten

Die wohl umspül´n wie Ebbe dich und Flut

Die Schönheit wird ein jede Zeit begleiten

Wenn du begreifst; so gehe lächelnd und mit Mut.

 

Wanderer, 29.12.2003




Das ist so

 

Alle sagen „das ist so“

Und scheinen glücklich dabei zu sein

Vielleicht weil sie sonst erkennen würden

Dass sie ihre Träume verloren

An genau dem Tage

Als jemand zu ihnen sagte

„das ist so“

 

Wanderer, 15.04.2007




Erkenne die Zeit

 

In alter Tiefe glimmt ein Funke

still, unscheinbar und fast verdrängt

mehr schwaches Licht als wahres Feuer

im gestern nahezu versenkt

 

Doch kommt die Zeit, so muß er wachsen

muß lodern, leuchten blitzesschnell

zur all‘ verzehrend Flamme werden

muß rasen, tosen leuchtend hell

 

Zerstören was im Wege steht

dem Manne seinen Sturm darbringen

der vorher bösen Wind gesäht

das Unrecht brennend niederrringen

 

und sich dann wieder niederlegen

so wie ein Hund bei seinem Herrn

und Stück um Stück zum Funken schwinden

wohl wissend: Er kann wiederkehr‘n

 

Wanderer, 09.01.2018




Die, die aus der Ferne kommen

 

Als der Krieg aus war, kam der Soldat nach Hause. Aber er hatte kein Brot. Da sah er einen, der hatte Brot. Den schlug er tot. / Du darfst doch keinen totschlagen, sagte der Richter. / Warum nicht, fragte der Soldat.

Wolfgang Borchert (1921-1947)




Herbstrauschen

Herbstes Hauch rauscht im Walde

Und die Blätter leuchten im Holz

Drehen sich leise, sinken zur Erde

Brennen im Auge in buntestem Stolz

 

Jeder Tritt birgt ein Rascheln

Und ein Wispern und Flüstern dazu

Selbst die Bäume raunen vom Sommer

Aber trotz allem – ich fühle Ruh´

 

Wanderer, 31.10.1999




Gewitterregen

Die Glut des Tages ist verloschen

Gewitterregen tränkt das Land

Noch schläft die Wärme in der Erde

In Wiesen, Feldern und im Sand

 

Und in der Dämm´rung feuchter Schwüle

Hängt Dampf nun über´m heißen Grund

Zuviel der Sonne Hitze ruhet noch darinne

In dieser Sommerabendstund´

 

Wanderer, 22.6.2000




Metropolis

Es lebt ein Herr in Metropolis

Er herrscht über viele Maschinen

Er bringt das Licht in die Finsternis

Und alle müssen ihm dienen

Die Stangen und Räder müssen sich dreh´n

Es pfeift und orgelt und raucht

Effizient funktionieren, niemals widersteh´n

Das ist es, was seine Metropolis braucht

Auch Chaplin arbeitet dort im Getriebe

Und ich, das hakende Zahnrad von nebenan

Es hämmert und klopft und dampft im Geschiebe

Und zeigt einer Schwäche, so ist er bald dran

Kosten senken und mit Fleiß optimieren,

das treibt die Feuer der Öfen an

dabei emsig in den Untergang marschieren…

ich weiß ich breche die Ketten und fliehe – irgendwann

Der Wanderer, 08.02.2010




Schreiben

Wenn mich jemand fragt

Was schreiben denn

Für mich bedeutet –

An einsamen Abenden

Greife ich mir einen Stift

Und heimlich, wenn niemand schaut:

Webe die Seele in das Papier

 

Wanderer, 18.11.1999