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Stolz und Schuld

Vor einiger Zeit äußerte ein Freund Folgendes, als er das Zimmer unserer Spielerunde betrat: „Es gibt nichts, worauf man als Deutscher stolz sein kann.“ Ich schwieg, um die nette Spielerunde nicht durch politische Diskussionen zu trüben, die für mich nicht in diesen Rahmen gehören. So dachte ich jedenfalls damals – heute würde ich wahrscheinlich etwas erwidern.

Warum gibt es nichts, worauf man als Deutscher stolz sein kann? Die Antwort gab mir kürzlich ein Comedian in seinem Programm. Urplötzlich verstieg er sich ein in AfD-Gebashe und erklärte, man könne nur stolz sein auf das, was man selbst geleistet habe. Diese Argumentation ist indes nicht neu, ich hörte sie schon in meiner Schulzeit auf dem Gymnasium.

Worauf kann ich dann stolz sein? Die Antwort ist einfach: Auf nichts! Denn nichts auf der Welt leistet man alleine. Kann man auf seine Schulnoten stolz sein? Nein, denn es liegt zu guten Teilen an der Qualität des Lehrers. Können Eltern auf Ihre Kinder stolz sein? Nein, denn die Kinder werden immer von der Gesellschaft mitgeprägt. Kann ein Künstler auf sein Bild stolz sein? Vielleicht, denn er hat es selbst gemalt. Doch woher kam seine Inspiration? Aus der Natur? Aus den gesellschaftlichen Strömungen, die ihn prägten oder der Qualität des Pinsels und der Farben?

Was leistet man denn wirklich selbst ohne Zuhilfenahme anderer Faktoren?

Nehmen wir doch ein Gedankenexperiment vor. Statt des Wortes „Stolz“ setzen wir das Wort „Schuld“. Folgen wir obiger Argumentation, so kann man nur schuld sein für das, was man selbst „geleistet“, anders gesagt, angerichtet hat. Wir alle sind demnach frei von Schuld, weil kein negatives Ergebnis uns zu 100% zugeschlagen werden kann. „Schuld“ und „Stolz“ sind nur möglich, wenn es eine hundertprozentige Korrelation zwischen meinen Taten und einem Ergebnis gibt (d.h., alle anderen Faktoren ausgeschlossen werden können).

Eine ziemlich gefährliche Argumentation, die das Individuum regelmäßig aus der Verantwortung nimmt, und die übrigens ständig verwendet wird. Ich erinnere mich, dass nicht selten die Verbrechen von Zugewanderten mit einer nicht aufnahmefreundlichen Mehrheitsgesellschaft entschuldigt werden. Oder wirtschaftlichen Umständen. Oder oder oder.

Spinnen wir den Gedanken weiter: Dann ist meine Generation also auch frei von jeder Schuld der Geschichte und jenem Schuldkult, der die NS-Zeit zur Maxime des Denkens und Handels erhebt. Ich habe dann keine besondere Verantwortung aufgrund der Vergangenheit Deutschlands (wie z.B. für Israel wie hier behauptet wird), keine besondere Verantwortung für ertrinkende Flüchtlinge, keine besondere Verantwortung, wenn ich Parteien wähle, die in der vorherrschenden Medienmeinung als anstößig bis rechtsradikal gelten und auch keine Schuld für Waffenlieferungen in andere Länder. Ich bin nicht schuldig, weil ich weiß und männlich bin und auch nicht schlechter als andere, weil ich deutsch bin.

Die Kolonialzeit ist vorbei. Waffen liefere nicht ich, sondern der Waffenhändler. Im zweiten Weltkrieg habe ich nicht gelebt. Und die NSDAP kann mir egal sein, ich habe sie nie gewählt. Ich brauche dann kein weiteres Mahnmal in irgendeiner Stadt und auch keine neuen Straßennamen wegen einer ominösen NSU.

Ich bin frei von Schuld und Sühne.

Die zweite Argumentation hört man, im Gegensatz zur ersten, in Deutschland nie. Im Gegenteil. Meist wird betont, warum „man dies und jenes unbedingt tun müsste“. Ein Beispiel ist, dass Deutschland Flüchtlinge aufnehmen müsste weil „wir“ Waffen in die Staaten der Dritten Welt lieferten. Nein, kein Bürger ist dafür in Haftung zu nehmen, denn kein Bürger liefert Waffen oder autorisiert den Waffenhändler, dies zu tun.

Das ist eine unerträgliche und manipulative Doppelmoral, eine ideologische Ambivalenz, um politische Ziele gegen den Willen der Mehrheit durchzusetzen.

Ich schlage vor, die Begriffe Stolz und Schuld etwas anders zu sehen:

Stolz ist das Bewusstsein, sich in einer Linie mit den Leistungen der Vorfahren oder den Errungenschaften eines Kollektivs bzw. eines Volks zu sehen und sich für die Erhaltung und Weiterentwicklung dieser Werte und Leistungen als auch dieses Kollektivs zu engagieren. Stolz wertet andere nicht ab. Er innert an die eigenen Stärken.

Ich bin stolz, dass Imanuell Kant seine Werke geschaffen hat, weil er genau wie ich in diesem Volk mit seiner Mentalität, seinen Stärken und Schwächen aufwuchs. Und uns verbindet dieses Narrativ, und ich kann diesen positiven Werten nacheifern oder ihre Gültigkeit überprüfen. Ich kann stolz sein, deutsch zu sein, wenn ich mich der positiven Errungenschaften und Werte erinnere.

Schuld dagegen ist das Bewusstsein, für die Fehler der Vergangenheit und Gegenwart sensibel zu sein und der Wille, diese Fehler zum Guten zu verändern. Veränderung erwächst nicht aus angehäufter Schuld und daraus resultierender Verpflichtung, sondern aus der Freiheit der Gedanken und der Erkenntnis, das Richtige zu wählen und Verantwortung zu übernehmen.

Ich schließe mit einem Zitat von Hagen Grell: „Es ist ok, ein weißer Deutscher zu sein.“

 

Wenn Sie noch etwas über eine positive Einstellung zum Eigenen lesen wollen, so schauen Sie bitte hier.

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One comment

  1. Martina Bergmann

    Schuld ist nicht übertragbar.

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