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Aus dem Alltag eines Lehrers – Erfahrungsbericht Teil IV

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Bild von Tomasz Proszek auf Pixabay

 

Unterricht bei den Azubis

Heute unterrichtete ich in einem Kurs an der Berufsschule. Der Kurs hat, wie in diesem Fachbereich inzwischen üblich, einen sehr hohen und Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund. Die Schüler werden dort schulisch ausgebildet oder auch dual.

Manche würden nicht Menschen mit Migrationshintergrund, sondern Ausländer sagen. Und „manche“ meint – Überraschung – in diesem Fall nicht mich.

 

Ausländer, deutsch oder Migrationshintergrund oder wie oder was?

Zwei der Migranten witzelten untereinander, der eine klopfte dann Sprüche à la „immer diese Ausländer“. Beide mit sehr dunklen Haaren, dunklem Taint und, wie bei vielen Südländern üblich, Vollbart. Beide würde man, wenn man… sagen wir… etwas konservativ denkt, nicht automatisch als Deutsche ansehen.

Im Kurs sitzt auch eine blonde deutsche Schülerin, die sehr wahrscheinlich links zu verorten ist vom Verhalten und auch dem Umstand her, dass sie Betriebsrätin ist (ja ich weiß, nicht alle Betriebsräte sind links, ich war selbst mal einer, geschenkt)). Ich mag sie gerne, sie ist ein klarer Leistungsträger und engagiert, Gerechtigkeit und der Mensch und seine Würde sind ihr sehr wichtig, das merkt man. Ich mag sie sehr gern.

Und es tut mir deshalb besonders Leid schreiben zu müssen, dass dies vielleicht genau ihre Stärke und Schwäche zugleich ist.

 

Männer und ihre Sprüche

Die besagte Schülerin im Kurs meinte halb im Spaß „immer diese Sprüche gegen Ausländer, das mag ich ja gar nicht.“ Der Migrant antwortete „ich darf das, ich bin Ausländer“ und lachte.

Die deutsche Mitschülerin wurde ernster. „Nein du bist deutsch“. „Nein ich bin Ausländer“, lachte er weiter „hab´ doch Migrationshintergrund“. Sie erwiderte ernst und nachdrücklich: „Nein du bist deutsch, du hast einen deutschen Pass“. Er lachte weiter und stimmte ihr dann zu, ohne es wirklich ernst zu nehmen.

 

Von der Absurdität des Seins

Halten wir fest: Der Mann mit Migrationshintergrund definiert sich selbst als Ausländer (ein Wort, welches Deutsche schon lange nicht mehr verwenden („dürfen“?), aber die blonde deutsche (Gutmenschen?- )Frau will es ihm ausreden und in gewissermaßen „umdefinieren“. Ihm liebevoll ihre Meinung aufdrängen.

Sie negiert sein eigenes Gefühl und seine Selbstwahrnehmung einfach, geht darüber hinweg als wäre sie seine Mutter, die ihm ein Eis wegnimmt, weil es den Zähnen schadet. Und sie meint es gut mit ihm, es ist keine Boshaftigkeit, eher etwas anderes. Eher dieses „ich bin gut, ich will dir etwas Gutes tun und ich weiß es besser“ vielleicht.

Vielleicht auch, weil er einen Pass hat. Oder länger hier lebt. Oder eingebürgert wurde. Ich weiß es nicht. Der andere Migrant, der vom Typ her fast genauso aussieht wie der erste, fällt aber durch ihr Raster. Weil er keinen Pass hat? Weil er später zugewandert ist? Auch das weiß ich nicht.

 

Was macht denn „deutsch“ überhaupt aus?

Wo liegt der Unterschied des einen zum anderen? Beide sprechen gebrochen deutsch. Beide haben Migrationshintergrund. Beide sehen überhaupt nicht deutsch aus (wieder nach meiner konservativen Auslegung). Wie eigentlich fühlen die beiden sich selbst?

Was macht denn den einen deutsch und den anderen nicht? Ein Stück Papier? Sicherlich nicht. Ich weiß nicht, ob irgendwem die Absurdität dieser Situation klar war. Es war, als hätte sie zwei tollende Hundewelpen vor sich, und wollte den einen als Katze definieren, ohne dass es einen der Welpen wirklich interessiert hätte.

 

Ein Western und die Romantik der Einbürgerung

Wobei ich keinem von beiden automatisch das „deutsch sein“ absprechen würde. Ich habe das immer so gehalten wie in einem Western. Nehmen wir „der Mann, den sie Pferd nannten“ oder „der mit dem Wolf tanzt“ als Beispiel.

Kurzfassung der Filme: Der Fremde, der zum Stamm kommt liebt und blutet am Ende mit dem Stamm. Opfert sich auf, bringt sich ein, integriert sich kulturell und mentalitätsmäßig. Wird einer der ihren. Am Ende wird er aufgrund seiner Aufrichtigkeit, seiner Leistung und Verbundenheit in den Stamm aufgenommen, weil er faktisch einer der ihren geworden ist. Ihm wird eine seltene Ehre zuteil, die die normalen Grenzen einreißt.

Es ist eine besondere und sehr seltene Wertschätzung, und er wird akzeptiert, weil allen klar ist, ihm als auch ihnen, dass er zum größten Teil einer ihren geworden ist. Er wird immer etwas anders bleiben (z. B. weil er weiß ist) und manche Dinge vielleicht nie ganz ablegen, aber er sieht sich selbst als einen der ihren.

Man muss es ihm nicht einreden.

 

Fazit

In Deutschland wird meinem Gefühl nach den Zugereisten aus vielen verschiedenen Gründen (siehe hier und hier) der deutsche Pass hinterhergeworfen.

Es ist insbesondere der politische Wille, dass „deutsch“ eben keine Sache von Mentalität, Sprache, Zivilisation, vielleicht Religion, Herkunft, ethnischer Zugehörigkeit, Historie, Sichtweise der Welt oder Geist ist. Sondern der hohlen Zugehörigkeit zu einem noch hohleren Staatsgebilde.

Aber eben auch der inzwischen typisch deutsche Geist, sich moralisch überlegen zu fühlen und den anderen vorzuschreiben, wie die Welt auszusehen hat. „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ in einer pathogenen, moralfaschistischen Form.

Ich persönlich lehne dies ab und versuche, mich wieder auf unsere Wurzeln zu besinnen. Und vielleicht mag es doch noch am Ende eine positive kulturelle Wende geben in diesem Land.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

 

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